Heliski Abenteuer im Herzen Europas

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Heliski Abenteuer im Herzen Europas

Geschrieben von: martini
Samstag, den 02. Oktober 2010 um 20:27 Uhr

Es ist halb neun in der Früh an einem wunderschön sonnigen Aprilmorgen. Vor wenigen Minuten haben wir uns noch über das reichhaltige Frühstücksbuffet im Hotel „La Vallée“ hergemacht und uns für den anstehenden Skitag gestärkt, nun stehen wir vor oder besser gesagt hinter dem Hotel und warten darauf, abgeholt zu werden. Erwartungsvoll richten sich unsere Blicke gen Himmel, denn heute nehmen wir nicht wie die letzten Tage den Skibus nach Verbier. Nein, heute freuen wir uns auf unser ganz persönliches Taxi, das Traumtransportmittel eines jeden Skifahrers: Ein Helikopter.

Es ist halb neun in der Früh an einem wunderschön sonnigen Aprilmorgen. Vor wenigen Minuten haben wir uns noch über das reichhaltige Frühstücksbuffet im Hotel „La Vallée“ hergemacht und uns für den anstehenden Skitag gestärkt, nun stehen wir vor oder besser gesagt hinter dem Hotel und warten darauf, abgeholt zu werden. Erwartungsvoll richten sich unsere Blicke gen Himmel, denn heute nehmen wir nicht wie die letzten Tage den Skibus nach Verbier. Nein, heute freuen wir uns auf unser ganz persönliches Taxi, das Traumtransportmittel eines j  

 

Heliskiing in Mitteleuropa, ist das überhaupt möglich? Und ob. Auch wenn viele Skifahrer hierzulande bei dem Wort Heliskiing automatisch an Canada und eine Gesamtzahl von 25, 30 oder 40.000 Höhenmeter pro Woche denken oder eventuell noch den Kaukasus und gefährlich anmutende russische Kampfhubschrauber im Kopf haben, so gibt es auch direkt vor unserer Haustüre die Möglichkeit, sich auf den Gipfel der Alpen aussetzen zu lassen. 

Das Basislager für unser Heli-Abenteuer ist Lourtier im hinteren Val de Bagnes. Bis vor wenigen Jahren dürfte das winzige Schweizer Örtchen unweit des italienischen, französisch, Schweizer Dreiländerecks lediglich Mountainbike Freaks und Skitourengehern ein Begriff gewesen sein. Ist es im Sommer die Herausforderung einer Alpenüberquerung, die viele durchtrainierte Biker hierher verschlägt, so ist es im Winter die Gipfelstürmungen wohlklingender Bergnamen wie Grand Combin, Rosablanche und Pignes D’Arolla. 

Noch immer schaue ich nach oben. Wird der Heli wirklich wie verabredet kommen und uns genau hier abholen? Irgendwie kann ich mir das Ganze noch nicht so richtig vorstellen. Doch wenige Sekunden später sind meine Zweifel wie weggeblasen. Aus Richtung Martigny kommend sehe ich wie unser Lufttaxi das schmale Tal herauf schwebt. Was für ein Service: Vom Hotelgarten direkt auf den Berg. 

Hinter einem Gartenzaun schützen wir uns best möglich vor dem Wind der kräftigen Rotorblätter. Schnell die Ski eingeladen, Kopfhörer auf und los geht’s. Zu unserem Leidwesen hat es in den letzten Tagen kaum geschneit. Da wir trotzdem nur ungern auf ein Powder-Erlebnis verzichten möchten, hat Lionel unser Bergführer den Petit Combin als Flugziel ausgewählt. Der 3663 Meter hohe Gipfel ist einer der 45 Berge, die im Wallis von Hubschraubern angeflogen werden dürfen. 

Lionel ist sich sicher, dass wir in der steilen Nordflanke des Petit Combin noch absolute Top-Bedingungen vorfinden werden. Im Heli fragt er uns noch ein letztes Mal: „Also Ihr steht wirklich gut auf dem Ski? Denn dort oben sollte man nicht fallen!“ Mit einem Nicken signalisieren wir ihm, dass er sich keine Sorgen machen braucht, schließlich verfügt unsere kleine Crew bestehend aus dem schwedischen Freeride-Pro Fredrik Ericsson genannt Frippe, Fotograf Tilo Brunner und mir über etliche Jahre Erfahrung in den Bergen. Als letztes Crew-Mitglied freuen wir uns Jean-Marc, den Besitzer des Hotels La Vallée, begrüßen zu dürfen, der es sich nicht nehmen lassen möchte, gemeinsam mit uns die „Face Nord“ zu befahren.   

Meter um Meter schraubt sich der Heli in die Höhe. Als Lionel nach links deutet, sehen wir die Nordflanke mit ihren zahlreichen Gletscherspalten vor uns. Um uns die Möglichkeit zu geben, die Lines genau zu betrachten, fliegt der Pilot zweimal die Flanke entlang, bevor er nach rechts zieht und schließlich von westlicher Richtung das breite Gipfelplateau ins Visier nimmt. Zügig springen wir aus dem Heli und gehen in Deckung als er wenige Sekunden später schon wieder abhebt. 

Stille und ein prächtiger Ausblick. Eine Dunstwolke verdeckt den Gipfel des 4314 Meter hohen Grand Combin. Mächtig blinkt der berühmte Gletscherbruch zu uns hinüber. Die Aussicht von hier oben ist gigantisch. Die Gipfel des Berner Oberlands sind ebenso in Sicht wie die Viertausender des Wallis. Und auch Montfort und Mt. Gele, die Hausberge Verbiers, sind wohl von kaum einem Punkt besser einzusehen als von hier. 

Dann richtet sich unsere Konzentration auf die bevorstehende Abfahrt. Auch wenn wir uns sehr gerne kopflos in das Vergnügen stürzen würden, so heißt es den Anweisungen und Tipps von Lionel genauestens zu Folge zu leisten. Er kennt den Berg wie seine Westentasche und trägt die Verantwortung. Somit gibt es keine Diskussionen. „Haltet Euch hier oben links! Rider’s Right von der Kante sind Spalten und dann folgt ein Abbruch.“ 

Tilo, der vorfährt um sich eine gute Photoposition zu suchen, ist sichtlich überrascht. Mit den 30-40 Zentimetern fluffigem Powder in unserem Hang hatte keiner so wirklich gerechnet. Als Tilo sich in Position gebracht hat, sticht Frippe freudig hinein und genießt die ersten Turns des Tages während ich noch meine Skischuhe zu schnalle. Ein Zeichen von Lionel sagt mir, dass ich nicht noch näher an der Kante fahren sollte als Frippe. Etwas steif ziehe ich die ersten Kurven in den Schnee. Doch meine morgendliche Trägheit ist spätestens nach dem fünften Turn verflogen als ich realisiere, dass Lionel mit seiner Routenwahl komplett richtig liegt. Powpow im April. Der Höhe und Jean-Marc sei Dank! 

Ja Jean-Marc. Denn schließlich war es seine Idee, eine Helibasis in Lourtier einzurichten. An für sich wollte er lediglich seiner Frau Patricia zu ihrem 40. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk bereiten und überrascht sie an jenem Morgen mit einem Hubschrauber, der sie und einige Freunde vor der Haustüre abholte und genau wie uns am heutigen Tage auf den Gipfel des Petit Combin flog. Das Geschenk war ein voller Erfolg. Elektrisiert von den schönen Impressionen des Tages waren sich Jean-Marc und Patricia sicher, dass auch andere leidenschaftliche Skifahrer den Genuss des Heliskiings im Dreiländereck zu schätzen wissen würden. 

Im Mittelpunkt sollte für den Skifahrer jedoch der Naturgedanke stehen; die Idee des perfekten Skitages weit abseits der Pisten mit einem möglichst hohen Erlebniswert. Aus diesem Grund beschloss Jean-Marc, dass der Helicopter nur für den ersten Transport genutzt werden sollte. Weitere Aufstiege im Backcountry sollten zu Fuß zurückgelegt werden. Die Gäste sollten die Berge genießen ohne dabei über die Anzahl der zurückgelegten Höhenmeter nachzudenken.   

Besonders erfreut war Jean Marc als er erfuhr, dass die Schweizer Gesetzgebung seine Vision vom Heliskiing optimal unterstützte. Um die Natur zu schützen erließ die eidgenössische Regierung seinerzeit ein Gesetz, nach dem Hubschrauber nur unterhalb von 1100 Metern Höhe Gruppen zum Heliskiing aufnehmen dürfen. Da sich das Hotel La Vallée exakt 1080 Meter über dem Meerespiegel befindet, stand der Idee des Privatlandeplatzes nichts mehr im Wege.

Frippe ist es, der mich mit freudigen Augen auf die Eisblöcke unterhalb des ersten Hanges aufmerksam macht. Als wir Lionel kundtun, dass wir gerne über die Eisblöcke springen möchten, schaut er uns verwundert an, gibt aber schließlich sein OK. 

Als die Bilder im Kasten sind hat Lionel bereits den weiteren Routenverlauf festegelegt. Zwei Möglichkeiten stünden zur Verfügung. Zu unserer linken führt ein breites, recht steiles Couloir einige Hundert Höhenmeter hinunter. Aus dem Hubschrauber wirkte dieses jedoch aufgrund seiner Windausgesetztheit ziemlich eisig. Daher plädiert Lionel dafür, den Gletscherbruch nach rechts zu traversieren, um unterhalb in einen weniger spektakulären dafür aber umso genussvolleren weiten Hang zu gelangen, der sich gerade den ersten Sonnenstrahlen öffnet.

Nun können wir es wirklich nach Herzenslust laufen lassen. Es spielt keine Rolle mehr, ob wir ein paar Meter weiter links oder weiter rechts fahren. Das einzige worauf es aufzupassen gilt, sind die Mitstreiter. Es ist ein Hang, der nach unten in ein Hochtal ausläuft und in dem man gar nicht erst versuchen sollte, seine Schwünge zu zählen. 

Einmal halten wir an, um uns kurz zu treffen und durchzuatmen. Der Blick zurück zeigt unsere Spuren, wie sie knapp 2000 Höhenmeter vom Gipfel durch den Bruch bis hier hinunter führen. Nach wie vor ist außer uns kein anderer Skifahrer in Sicht. Zwei Tourengeher sichten wir, die in etwa einer Stunde den Gipfel erreichen werden. Sie werden sich die Abfahrt wirklich verdient haben.

Beim zweiten Stopp zieht Lionel seine Jacke aus: „Jetzt geht es mit Fellen weiter. Wir müssen ca. 30 Minuten auf den kleinen Rücken dort drüben aufsteigen und anschließend fahren wir auf der anderen Seite ab.“ 

Gesagt getan. Auch ich ziehe es vor, meine Jacke für den Aufstieg am Rucksack zu befestigen. Die Mittagssonne brennt jetzt ohne große Barmherzigkeit in den Kessel, den wir gerade emporsteigen. Eine kleine tief eingeschneite Kapelle ist unser erklärtes Ziel.

Pause ist angesagt, als wir oben auf dem Bergrücken ankommen. Erst einmal den Rucksack runter, hinsetzen und etwas trinken. Kulinarisch gesehen kann ich mit meinen Müsliriegeln nicht gerade Punkten. Meine Kameraden haben da mit getrockneten Bananen und Schokolade schon mehr zu bieten. Den größten Applaus erhält jedoch verdienter Weise Jean-Marc für die Flasche Rotwein, die er aus seinem Rucksack zieht. „Dies ist ein Heimatwein aus dem Wallis. Der gehört bei uns zu jeder gelungen Tour einfach dazu!“

Wer könnte ihm bei so viel Gruppenengagement widersprechen? Kurzzeitig überlegen Frippe und ich, ob wir noch weiter aufsteigen. Ca. 200-300 Meter über uns wartet noch ein unverspurtes Face darauf, befahren zu werden. Doch langsam ziehen Wolken auf, vielleicht die Vorboten des vorhergesagten Schlechtwettereinbruchs. Daher lassen wir den Aufstiegsgedanken wieder fallen. Stattdessen schnallen wir die Ski wieder an und setzen unsere Abfahrt fort. Die Cabane de Brunet ist unser nächstes Ziel.

Über zahlreiche Kuppen geht es in gemütlich hinunter zu der bewirtschafteten Hütte mit der schönen Sonnenterasse. Die besetzten Tische weisen darauf hin, dass die Cabane de Brunet ein beliebtes Ziel Einheimischer Tourengeher ist, die hier herauf kommen, um gemütlich zu Mittag zu essen oder auch nur einen Kaffe zu trinken.

Über Almwiesen und einen gerade noch schneebedeckten Forstweg geht es unterhalb der Hütte weiter Richtung Tal. „Im Februar können wir bis fast direkt vor das Hotel fahren“, sagt Jean-Marc. Heute, da der Frühling Tag für Tag stärker ins Wallis einzieht, müssen wir einige Serpentinen oberhalb von Lourtier die Ski abschnallen.

Als wir schlussendlich an der Straße stehen und auf Jean-Marcs Sohn warten, der uns mit dem VW-Bus abholen will, haben wir alle ein zufriedenes Lächeln auf den Gesichtern. Ein spitzen erlebnisreicher Skitag, Top Service, Pulver im April und jede Menge First Tracks; was will man mehr! „Und wenn Ihr nächstes Jahr kommt“, ergänzt Jean-Marc, „fliegen wir auf den Rosablanche.“

 Homepage: www.lavallee.ch

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 02. Oktober 2010 um 20:32 Uhr