Westendorf Freeriden in den Kitzbüheler Alpen

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Westendorf Freeriden in den Kitzbüheler Alpen

By Martin Hesse

„Big is beautiful“ oder sollte es vielleicht doch er heißen: „Small is beautiful“? Letzten Endes beweisen beide Thesen für uns Freerider immer wieder ihre Richtigkeit, wenn es darum geht, in welchem Skigebiet wir die schönsten Tage des Jahres verbringen wollen. Oder anders ausgedrückt: Große Lines à la Chamonix oder doch lieber dem hartnäckigen Fight um „First Lines“ zu entfliehen und in einem beschaulichen Secret Spot selbst nachmittags noch unverspurte Hänge genießen? Gerade in der Hauptsaison und an Wochenenden werden kleine aber feine Reviere immer empfehlenswerter. Genau solch ein Geheimtipp ist das Skigebiet von Westendorf im Herzen der Kitzbüheler Alpen.

Es ist zehn Uhr in der Früh am ersten Februar Wochenende als ich mich mit meinem schwedischen Kumpel Frippe Ericsson und den zwei Fotografen Fredrik Schenholm und Jessica Haupt am Parkplatz der Bergbahn Westendorf treffe. Die zwei Schweden sind bereits ganz ungeduldig: „Schnell, schnell, wir müssen los, sonst ist doch alles ausgefahren!“. Schmunzelnd nehme ich ihre Hektik zur Kenntnis. „Ganz ruhig, wir sind in Westendorf. Hier geht es noch gemütlich zu, nicht so wie in Frankreich!“ Die Reaktion ihrer Augen zeigt mir, dass sie meiner Antwort keinen Glauben schenken. Nichts desto trotz lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen. Ganz ohne Panik packen wir unsere Rucksäcke, schultern die Ski und marschieren los.

Bereits in der kleinen zwei Minuten Schlange an der Gondel sorgen wir mit unseren großen, breiten Latten für Aufsehen, was die Miene unserer Schweden merklich aufhellen lässt. Langsam scheinen sie zu begreifen, dass die meisten Skifahrer hier gar kein Interesse daran haben, uns den über Nacht gefallenen Powder streitig zu machen.

Auffallend hingegen ist die große Anzahl an Twin-Tipps, die viele jüngere Rider cool und lässig die Treppen hinauf tragen. Kein Wunder, genießt Westendorf doch gerade bei den New Schoolern einen erstklassigen Ruf für seinen riesigen Funpark. Auch die SkierCross Europameisterschaft wurde bereits des Öfteren hier im Tiroler Unterland ausgetragen.  

Drei Skiberge umfasst das offizielle Skigebiet von Westendorf. Nachsöllberg, Fleiding und Gampenkogel werden von 50 Kilometern Pisten und 13 Liften miteinander verbunden. Die vergleichsweise niedrige Höhe zwischen 800 und 2000 Metern könnte manch einen eingefleischten Skifreak abschrecken. Wer jedoch schon des Öfteren in Westendorf Ski gefahren ist, der wird wissen, dass man hier häufig bis Ende März beste Schneebedingungen vorfinden kann. Und da die Kitzbüheler Alpen in erster Linie Grasberge sind, bedarf es nur wenige Zentimeter Neuschnee, um richtig powdern zu können.  

Als unsere Gondel in die Mittelstation einfährt, müssen wir uns entscheiden: Talkaser oder Choralpe? Die morgendliche Bequemlichkeit zwingt uns dazu, lieber in der Gondel sitzen zu bleiben als in den archaisch anmutenden Einersessel zu wechseln. Somit ist die Wahl auf Talkaser gefallen.

Nach einer Aufwärmfahrt auf der Piste, tasten wir uns rechts und links an das Gelände heran; nicht besonders steil, dafür aber genau richtig zum Einfahren. Nur wenige Meter neben der Piste befinden sich kleine Hüttendächer, ein kleiner Felsen und einige große Baumwurzeln, an denen wir die ersten Airs des Tages hinlegen. Dann wird es Zeit für einen längeren Run.

Auf der Überfahrt von Talkaser zum Fleidinglift biegen wir an einer Lichtung rechts von der Piste ab. Eine einzelne Spur schlängelt sich bereits die Schneise hinunter. Von dieser lassen wir uns natürlich nicht stören und pflügen die ersten schönen langen Turns in den Schnee. Das Freerider Herz beginnt, das mit Glückshormonen angereicherte Blut in den Körper zu pumpen. Einige Bäume nötigen uns, kurzfristig das Tempo zu drosseln. Dann geht es weiter hinab ins Windautal.

Am Burghof angekommen wartet bereits der Skibus und nach wenigen Minuten Fahrt geht es mit der Gondel wieder hinauf. Diesmal switchen wir jedoch an der Mittelstation und machen es uns im Einersessel bequem, der inzwischen ein gutes halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben dürfte. Schön dass es solche charakterstarken Lifte noch gibt!

Der „Norder“ steht auf dem Programm. Dabei handelt es sich um einen herrlichen 1000 Höhenmeter Run, den man schon mit seiner umgedrehten Trichterform bei der Anreise von der Autobahn aus erblicken kann. Zunächst müssen wir jedoch noch einige Bilder schießen. Dank des frischen Powders und des blauen Himmels dauert es glücklicher Weise nicht besonders lange, bis unsere Fotografen zufrieden nicken. Kaum sind die Bilder im Kasten, können wir unser Verlangen nicht mehr zügeln. Frippe’s Spray weht mir ins Gesicht. Zwei Turns, drei Turns, wow ist das geil! Keiner wagt es, unterwegs anzuhalten. „Incredible!” ist Fredriks Urteil, als wir unten angekommen den Blick zurück auf unsere Spuren werfen.

Obwohl es Zeit für einen kleinen Snack wäre, wollen wir weiter. Die Hänge an der Vorderseite des Fleidings werden in der Regel immer als Erste ausgefahren. Schnell also mit dem Dreiersessel hinauf, um noch zwei nette Treeruns hinzulegen. Dann ist erstmal Pause angesagt, denn die Gemütlichkeit auf einer der zahlreichen Sonnenterassen sollte man in Westendorf auf keinen Fall verpassen. Und so lassen wir uns auf der Fleidingalm nieder und geben uns ganz den Gaumenschmäusen von Speckknödelsuppe und Kaiserschmarrn hin.

Auch wenn die Schweden langsam überzeugt scheinen, dass Westendorf als Freeride-Revier einiges zu bieten hat, wollen wir ihnen nun noch mehr zeigen. Mit Ski auf dem Buckel besteigen wir den Gipfel des Fleidings. Das nordseitige Fleiding-Couloir ist zwar kurz, dafür aber ein wahrer Leckerbissen. Aufgrund seiner Sonnen abgewandten Exposition ist der Schnee hier auch Tage nach dem Schneefall noch pulvrig. Da das Couloir ein denkbar uninteressantes Fotomotiv darstellt, können sich auch unsere Fotografen ausnahmsweise mal richtig über einen schönen Run freuen. Klar, dass wir ihnen, als wir am Gipfelkreuz stehen und in die Tiefe blicken, gerne den Vortritt lassen.

„Was nun“, ist die Frage. Möglichkeiten gibt es noch zu Genüge. Den Gampenkogel möchten wir uns für den morgigen Tag aufheben. Nun hiken wir lieber auf den Gipfel des Nachsöllbergs. Ca. 20 Minuten dauert der Aufstieg von der Bergstation des Einersessels. Auf der Rückseite führt ein langer Rücken hinunter ins Brixenbachtal. Linkerhand liegen einige Rinnen mit diversen kleineren und größeren Cliffs, die wir uns vornehmen möchten. Der gesamte Hang bietet so viele Varianten an, dass jeder von uns seine eigene Line bekommt.

Da ich den Hang kenne, fahre ich als Erster ein. Zwei Schwünge, ein kleines Cliff, nochmal zwei Schwünge, eine bisschen längere Luftfahrt und dann lass ich es Laufen. „What a beautiful day!“ Als die anderen zu mir aufschließen, fahren wir gemeinsam hinunter durch das Brixenbachtal in den Nachbarort Brixen im Thale. Einige eingeschneite Baumstümpfe bilden als Pillow-Line den adäquaten Abschluss für einen gelungenen Skitag. Nun freuen wir uns auf Riesenschnitzel im Lendwirt im nahe gelegenen Windautal.  

Tag zwei unseres Westendorf Trips beginnt genauso wie Tag eins aufgehört hatte: Gemütlich und unter blauem Himmel. Nicht einmal die zwei Schweden sehen sich mehr genötigt, um 8.30h die erste Gondel zu nehmen. 

Ausgerüstet mit Fellen steigen wir vom Brechhornhaus aus in einer guten Stunde auf das 2032 Meter hohe Brechhorn. Nicht dass wir nicht auch im Skigebiet noch weitere Varianten hätten, aber das Gipfelerlebnis gepaart mit dem Blick über die Kitzbüheler Alpen und einer kurzen Steilflankenabfahrt hat uns dazu bewegt, den Aufstieg aus eigener Kraft in Angriff zu nehmen. Am Gipfel angekommen gönnen wir uns eine kleine Jause und lassen die Blicke in die Ferne schweifen.

Für die Abfahrt orientieren wir uns unterhalb der nördlichen ausgerichteten Steilflanke Richtung Osten. Aschau ist unser Ziel. Die Abfahrt hinunter zur Oberlandhütte ist vor allem unter Tourengehern eine bekannte Variante. Weit abseits des Pistentrubels ziehen wir zunächst über eingeschneite Almwiesen und später durch mehrere Waldpassagen unsere Spuren in die weiße Pracht.

Seit einigen Jahren führt die Gondel mit dem futuristischen Namen Ki-West vom Aschauer Tal hinauf ins Westendorfer Skigebiet. Besitzer des Kitzbüheler Alpen Skipasses können nun von Kitzbühel oder Kirchberg kommend mit einer fünfminütigen Skibusfahrt ebenfalls die Pisten Westendorfs erkunden.

Für uns ist es Zeit für den letzten Run des Wochenendes. Mit der Ki-West Gondel und dem anschließenden Vierersessel fahren wir hinauf und erklimmen mit Ski am Rucksack den Gipfel des Gampenkogels. Drei Varianten stehen uns zur Auswahl: Zurück Richtung Ki-West, den Steilhang Richtung Brixenbachtal oder über den Rücken nach Brixen. Aufgrund der Schneequalität, die der permanenten Sonneneinstrahlung nun doch Tribut zollt, entschließen wir uns für Variante Drei und Cruisen durch den lichten Wald ins Tal.

„Great Potential!” ist das Fazit der zwei Schweden. „Ja stimmt schon“, entgegne ich, „aber glaubt nicht, dass Ihr jetzt alles gesehen hättet. Den Rest zeigen wir Euch bei Eurem nächsten Besuch!“